Gedanken zum Sigma 35mm 1.4 Art – droht ein Identitätsverlust?

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Ein ausgewogener Blickwinkel, schönes Bokeh und knackige Schärfe – das sind die Stärken des Sigma 35mm 1.4 Art. Oft kombiniert mit einem analog angehauchten Bildlook und ordentlich Cyan in den Highlights hat es sich in den sozialen Netzwerken einen Wiedererkennungswert verschafft. Viele Fotografen schwören auf dieses Objektiv.

Kann man sich das Objektiv überhaupt noch kaufen, ohne seinen eigenen fotografischen Stil – und damit seine Identität – zu verlieren?

Ich habe schon mit Fotografen geredet, die meinten das Objektiv ist mittlerweile „zu mainstream“. Kann ein Objektiv „zu gut“ sein? Es gibt in der Tat Leute, die das behaupten. Können Objektive auf dem Datenblatt gut sein, in Echt ihr Ziel jedoch verfehlen? Ich habe mir das aktuell wohl meistgehypte Objektiv nun selbst einmal genauer angesehen.

In letzter Zeit habe ich immer wieder überlegt, ob ich mir auch das Sigma Art 35mm 1.4* zulegen sollte. Glücklicherweise konnte ich mir für das letzte Shooting das Objektiv einmal ausleihen. Zusammen mit einer Sony Alpha 7r hatte ich die Möglichkeit, es einen Nachmittag lang genauer anzusehen.

Auch die Sony Alpha einmal ausführlicher auszuprobieren war eine völlig neue Erfahrung für mich. Ich selbst habe mir mittlerweile schon öfter nach anfänglicher Skepsis einen digitalen Sucher gewünscht. Vor allem beim Fokussieren mit manuellen Objektiven aus analogen Zeiten ist das sog. Focus Peaking mehr als nur praktisch. Hier legen sich in Echtzeit rote Punkte an die Stellen, an denen sich gerade die Schärfeebene befindet.

Diese Technik habe ich auch zusammen mit dem Sigma Art verwendet. Ich hatte nicht einmal probiert automatisch zu fokussieren, weil ich so begeistert von diesem Feature bin und auf Anhieb gut damit zurecht gekommen bin. So ist man oft Treffsicherer als mit der herkömmlichen „Focus & Recompose“ Technik.

Update: Einen detaillierten Testbericht zum Objektiv findest du in meinem neuen Sigma 35mm 1.4 Art Test für Sony E-Mount Beitrag.

Sigma 35mm 1.4 Test an Sony Alpha 7r

Sigma 35mm Art – Was fällt auf?

Wenn du jetzt einen Bericht mit vielen Daten und Fakten erwartest, muss ich dich enttäuschen. Ich möchte diese Standard Punkte ganz kurz abdecken: Ja, es ist scharf. Ja, es ist sehr gut verarbeitet. Und ja – es macht ein grandioses Bokeh. So viel muss zu den technischen Dingen ausreichen. Ich werde nun auf das viel wichtigere eingehen: Wie ich mich damit beim Fotografieren gefühlt habe.

Hier findest du neben diesem Erfahrungsbericht auch den ausführlichen Sigma 35mm Art Testbericht.

Zugegeben: Die gerade genannte Schärfe prägt das gesamte Foto und den Look des Sigmas. Das habe ich bereits beim ersten Schnappschuss bemerkt. Um bei meinem älteren Canon 50mm solche scharfen Fotos zu machen, muss ich mindestens auf F2.0 abblenden. Kombiniert wird das ganze beim Sigma auf Blende F1.4 mit einem grandiosen, „feinkörnigen“ Bokeh. Der Winkel bei 35mm bietet ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Umgebung und der Person. Und auch die Verzerrungen sind zu verkraften.

Aufgenommen mit dem Sigma 35mm 1.4 Art Objektiv
Sigma Art 35mm bei Offenblende 1.4 an der Sony Alpha 7r

Man bekommt ein zuverlässiges Gesamtpaket, mit dem man einfach darauf losschießen kann. Mit der Sony Alpha legt man mit dem Focus Peaking fröhlich selbst bei Offenblende die Schärfeebene direkt in die Augen des Models. Es kam mir vor, als könnte man machen, was man will: Es sieht eigentlich immer super aus.

Neben seiner Verwendung für Porträts bietet es mit seinen 35mm auch eine gute Allround Brennweite für Street- und Travelfotografie oder auch Landschaften. Und das alles bei einer knackscharfen Abbildungsleistung und unter 1000€ Anschaffungspreis.

Was mich bisher zurückgehalten hat

Wieso habe ich überhaupt bis jetzt gewartet, wenn es so ein gutes Objektiv ist?

1. Vielen Fotografen ist bereits aufgefallen, dass dieses Objektiv in der Szene Überhand nimmt. Das Objektiv erlebt derzeit einen richtigen Hype und man sieht es gefühlt überall im Internet. Oft mit ordentlich Cyan in den Highlights. Der Look ist an sich so markant, dass manche Leute sogar anfangen, alle Fotografen über einen Kamm zu scheren.

Demnach entsteht ein gewisser Einheitsbrei. Ich selbst muss allerdings zugeben, dass ich den Look sehr mag und mir auch immer wieder gerne Fotos davon ansehe. Es geht allerdings von einzelnen Fotografen eine gewisse Individualität verloren.

Das Krasse war, dass ich direkt beim Shooting zwischenzeitlich auf das Display der Kamera geschaut habe und dort meine eigenen Fotos nicht erkannt habe. Manche sind mir doch ein wenig „fremd“ vorgekommen. Als ob nicht ich das Foto gemacht hätte. Schnell habe ich überlegt, wie ich das Ruder wieder rumreißen konnte. Ich wollte wieder ich sein.

2. Der Preis. Gut, gerade habe ich noch geschrieben, dass es ein „Schnäppchen“ ist. Ich bin allerdings mittlerweile kein Fotograf mehr, der so sehr auf Technik fixiert ist. Deshalb stellt sich in meinem Kopf immer wieder die Frage: Mache ich damit wirklich bessere Fotos? Wird sich mein Stil verbessern?

Ich fotografiere aktuell, wie du vielleicht schon mitbekommen hast, sehr gerne mit meinem analogen Helios Objektiv an der Canon 5DMkIII. Und was passiert? Es kommen auch mit dem 35$ Objektiv fantastische Fotos heraus. Im Gegensatz zu diesem Wert ist das Sigma doch noch eine Hausnummer.

 

Sigma 35mm 1.4 Art Test Outdoor Shooting
Ebenfalls bei Offenblende 1.4 fotografiert

 

Zu scharf, zu gut?

Genau zu dem Zeitpunkt, als ich wieder über meiner Kaufentscheidung brütete, bin ich auf einen interessanten Artikel gestoßen. In diesem beschreibt der Autor das „Problem von modernen Objektiven„.

Gibt es da ein Problem?

Ich will es kurz Zusammenfassen: Er beschreibt, dass es zwei Arten von Objektiven gibt. Auf der einen Seite die Linsen, die das Leben wie „in echt“ aufnehmen. Auf der anderen die, die laut Testberichten und Datenblatt gut sein sollen. Dazwischen gibt es eine Linie, an der der Realismus verfliegt. Er nennt sie „Line of Realism“.

Was soll das heißen?

Ich habe einmal einen Fotografen getroffen, mit dem ich mich über die Sigma Art Objektive unterhalten habe. Er macht gefühlsvolle Hochzeitsfotos und besitzt einen Rucksack voller gutem Equipment. Darunter ist auch das Sigma Art Objektiv – besser gesagt: war. Er hat es zurückgeschickt. „Wieso?“ habe ich ihn gefragt. „Es war mir zu scharf“.

Ich war bis zu diesem Punkt völlig begeistert von dem Objektiv. Eine solche Aussage habe ich aber noch nicht darüber gehört. Ich dachte nach.

Sind wir heute an den Punkt angekommen, an dem Objektive „zu scharf“ sind?

So etwas kannte ich zwar schon von Leuten, die Makro Objektive wie das Canon 100mm 2.8 L für Porträts verwendet haben. Das Sigma ist jedoch eindeutig kein Makroobjektiv. Es wird größtenteils für Porträts eingesetzt.

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Und genau das beschreibt auch der Autor auf Petapixel: Objektive, die zwar auf dem Datenblatt und in Tests die besten sind, bilden das Leben nicht immer ab, wie es ist. Es wird schon fast „verfremdet“, weil es zu gut ist. Viele Fotografen, vor allem Analogliebhaber, empfinden die Sigma Art Serie oft als zu scharf und zu „künstlich“.

So sortiert er etwas ältere Objektive auf die „realistische“ Seite und die modernen „Überlinsen“ auf die andere. Ich kann an diesem Punkt nicht sagen, ob man so etwas tatsächlich technisch nachweisen kann. Ich fand aber, es ist es wert, einmal drüber nachgedacht zu haben. Laut diesem Autor habe ich aber mit meinen älteren Linsen bisher Objektive, die Motive „echter“ abbilden.

Fazit

Kaufen? Oder nicht Kaufen? Die Frage verfolgt mich schon seit dem Jahr 2015. Ich habe mich dazu entschlossen, das Objektiv dennoch nicht von meiner Wunschliste zu streichen. Warum?

Auch wenn es vom Feeling her wohl das Gegenteil von meinem analogen Objektiv sein dürfte: In einem professionellen Umfeld sollte man immer auf genügend moderne Linsen zurückgreifen können. Meine Arbeit besteht nicht nur darin, verträumte Porträt Aufnahmen zu erstellen.

Oft bin ich auch als Fotograf für Unternehmen unterwegs. Und hier muss man einfach eine Bombenqualität abliefern und das so schnell wie möglich. Also kein Ort, für eine 50 Jahre alte manuelle Linse.

Meine Bedenken, meine Identität als Fotograf zu verlieren hatten mich zwischenzeitlich jedoch oft zum Zweifeln gebracht. Wie vorhin geschrieben, läuft man Gefahr, Teil des Einheitsbreis zu werden, von dem viele Fotografen reden. Das Objektiv* ist jedoch einfach viel zu gut, um es nur deshalb nicht Kaufen zu wollen.

Jahrzente lang wurden analoge Kameras standardmäßig mit einer 50mm Festbrennweite ausgeliefert. Warum? Weil ab dieser Brennweite keine Verzerrungen mehr durch Weitwinkel auftreten, die Brennweite zeitgleich aber nicht „zu lang“ wird. Zurück zum Punkt: Hunderte Fotografen haben also das gleiche 50mm Objektiv. Trotzdem hatte nie jemand Angst, deshalb nicht aus der Masse herausstechen zu können. Es war eben ein Werkzeug, das es gilt individuell einzusetzen.

Das Sigma ist ein Objektiv, das einfach zum Loslegen einlädt, gerade weil fast alles, was man damit macht, auf Anhieb gut aussieht. Man sollte diesen Aspekt einfach für sich selbst nutzen. Wenn die Technik schon fast von alleine funktioniert hat man umso mehr „Ressourcen“ frei, um sich auf ein gutes Motiv zu konzentrieren. Dadurch kann man sich dann wieder individuell abgrenzen.

Dabei habe ich mir auch vorgenommen, meine anderen Linsen nicht zu vernachlässigen. Ich habe einmal einen Fotografen entdeckt, der wirklich nur Fotos mit einem Ringlicht gemacht hat. Nie draußen, nie mit einem anderen Lichtformer. Immer nur Ringleuchte. Nur weil man neues Equipment hat, sollte man mit diesem nicht in die Monotonie verfallen.

Wer Angst hat, dass es für einen selbst zu scharf sein könnte sei gesagt: Am Ende kann man in der Postproduction selbst entscheiden, wie scharf es werden soll. Ich selbst arbeite gerne mit einer gewissen Körnung, die die Schärfe immer etwas abschwächt.

Kurzer Hinweis in eigener Sache: Nützliche Blog Beiträge wie dieser leben nur mit etwas Werbung. Mit meinen Lightroom Presets verbesserst du also nicht nur deine Nachbearbeitung, sondern unterstützt gleichzeitig den Blog:

Wer also eigene Bildideen mitbringt, die Augen offen hält und sich auch weiter vielseitig mit der Fotografie beschäftigt hat gute Chancen, weiter ein individueller Fotograf zu bleiben und sollte sich diese Hammer Linse nicht entgehen lassen.

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Markus Thoma

Markus Thoma

Ich bin Markus und schreibe aus meiner Erfahrung als Berufsfotograf über die kreative Art der Fotografie. Am liebsten fotografiere ich draußen Porträts - bei natürlichem Licht. Denn weniger ist meistens mehr. Hin und wieder bin ich auch gerne mal auf Reisen. Wenn ich gerade nicht fotografiere, findet ihr mich auf Metalcore Konzerten, in der Natur oder am Buffet. Schau doch auch mal auf meinen Social Media Kanälen vorbei:

5 Gedanken zu „Gedanken zum Sigma 35mm 1.4 Art – droht ein Identitätsverlust?“

  1. Ein interessanter Artikel. Ich halte die hier erwähnte Kritik mancher Fotografen aber für „Jammern auf allerhöchstem Niveau“ :-) Wenn ich als Fotograf eine bestimmte Bildsprache habe, dann wird diese wohl eher nicht durch die spezielle Technik eines bestimmten Objektives bestimmt (von Ausnahmen, wie z.B. Pin Hole etc. mal abgesehen).

    Die schreibst, dass Du viel mit analogen Objektiven an der 5DM3 fotografierst. Leider gibt es dort kein Fokus Peaking (oder zwischenzeitlich doch)? Wie kommst Du mit dem Scharfstellen klar? Ich fotografiere mit analogen Objektiven deshalb lieber an der Systemkamera (M5).

    Antworten
    • Hallo Jens,

      danke für dein Feedback. Mittlerweile habe ich die Canon 5D3 verkauft und fotografiere ebenfalls auf spiegellosen Kameras. Dort ist es wirklich viel einfacher und bequemer als damals auf der Spiegelreflexkamera.

      Viele Grüße,
      Markus

      Antworten
  2. Hey Markus,
    wieder mal ein toller Blogbeitrag.

    Ich teile aber deine Herangehensweise nicht. Ich glaube nicht, dass man durch den Einsatz bestimmter Technik seine Individualität als Fotograf verlieren kann.

    Das Equipment ist doch nur ein Medium, das bestimmte Eigenschaften besitzt und den Bildern einen Look gibt. Von der Bildidee abhängig trägt es mehr oder weniger dazu bei.

    Aber ich würde ganz klar zwischen Bildlook und Bildsprache trennen.

    Jim Rakete, Peter Lindberg, Newton usw. fotografierten mit unterschiedlichsten Kameras und trotzdem erkennst du ihre Bilder. (Fotografen willkürlich Ausgewählt ;-)

    Gestaltenpsychologie, Kommunikation, Komposition, Lichtrichtung und Lichtart sind für die Indetität des Fotografen ausschlaggebender als das benutze Equipment denke ich.

    Neue Technik erweitert die Möglichkeiten der eigenen Ausdrucksweise.

    Antworten
    • Hi Alexey!

      Ja der Gedanke, man könnte dann nur noch wie andere aussehen, war bei mir lange Zeit da. Dann habe ich zB. auch über die Sache mit dem 50mm Objektiv nachgedacht. Sogut wie jeder Fotograf hat es und trotzdem hat jeder seinen eigenen Stil. Auch wenn der Look vom Sigma für mich etwas markanter ist, kann man ja trotzdem weiter sein eigenes Ding machen. Man muss nur aufpassen, dass man nicht in eine einheitliche Schiene verfällt und seine Augen weiter offen hält.

      Der Gedanke mit den beispielhaften Fotografen ist sehr interessant! In diese Richtung habe ich bisher nicht gedacht. Das ist eigentlich das faszinierende, dass trotz unterschiedlicher Technik der Fotograf „erkennbar“ bleibt. Die Frage ist, wie es sich bei jungen Fotografen, die sich noch nicht 100%ig ihren Stil gefunden haben verhält.

      Gruß,
      Markus

      Antworten

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