Wie du Tiefenschärfe auch ohne Blende kontrollierst und lebendig einsetzt

Am in veröffentlicht. Aktualisiert am 10.09.2022

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Tiefenschärfe ist ein wichtiges Stilmittel in der Fotografie. Sie gibt an, wie drastisch die Schärfe von der Fokusebene aus abfällt. Doch wie lässt sich diese Schärfentiefe kontrollieren? Dafür gibt es weit mehr Wege, als nur die Blende. Diese möchte ich in diesem Beitrag vorstellen. Dazu gibt es die besten Tipps, wie man diesen Effekt maximal ausschöpfen kann.

In der Landschaftsfotografie möchte man meist möglichst viel Tiefenschärfe, um alles von vorne bis hinten scharf abzubilden. In der Portraitfotografie hingegen möchte man die Schärfentiefe eher gering halten – denn ein unscharfer Hintergrund separiert das Model besser und lenkt den Blick.

Foto mit geringer Tiefenschärfe bzw. Schärfentiefe
Viele Fotos leben von Tiefe – es gibt aber noch mehr zu beachten als einen unscharfen Hintergrund.

Und genau hier setze ich in diesem Beitrag an und zeige dir, wie du die Tiefenschärfe für gelungene Porträts maximieren kannst. So wird dein Porträt räumlich und intensiv wirken.

1. Was ist Tiefenschärfe bzw. Schärfentiefe?

Wir leben als Menschen in einer dreidimensionalen Umgebung. In dem Moment, wenn ein Foto aufgenommen wird, passiert folgendes: Der dreidimensionale Raum wird in einem zweidimensionalen Foto eingefangen. Und das passiert auch noch in Zeiten von Virtual Reality, 360°-Kameras und Smartphones mit 3D Funktion. Daran wird sich auch so schnell nichts ändern.

Fotos zeigen eine räumliche Szene auf einem zweidimensionalen Bild.

Wieso wirken Fotos aber trotzdem oft so real und räumlich? Genau das ist meistens der Unterschied zwischen einem Handyfoto und dem einer professionellen Kamera: Die Tiefenschärfe. Smartphone-Fotos sind oft durchgehend scharf. Von vorne bis hinten. (Und wenn wird dieser Effekt oft nur simuliert oder kommt eben nicht ganz so zur Geltung, wie bei einem großen Sensor).

Sigma 85mm 1.4 Art Test
Die Räumlichkeit der dreidimensionalen Szene wird durch Unschärfe in der Tiefe verdeutlicht.

Beim Fotografieren mit einer professionellen DSLR oder auch spiegellosen Kamera baut der Fotograf hingegen gezielt “Tiefenunschärfe” ein. So kann man nicht nur die Tiefe, neben Höhe und Breite, als dritte Dimension andeuten. Sondern auch noch den Blick des Betrachters gezielt lenken.

Generell schaut man auf Fotos immer zuerst dahin, wo der hellste Punkt ist – oder eben die Schärfe. Das heißt bereits beim Aufnehmen kannst du bestimmen, wo der Betrachter später hinschauen soll.

Viele wissen aber dennoch nicht genau, von was die Schärfentiefe überhaupt abhängig ist.

2. Was regelt die Schärfentiefe in einem Bild: Die vier Faktoren für mehr Unschärfe

Meistens wird nur die Blende als Faktor für die Tiefenschärfe angeführt. Dabei kommt es dabei noch auf ein paar andere Faktoren an, die die Unschärfe-Quantität und Bokeh-Charakteristik bestimmen:

2.1 Wähle die richtige Blende

Die altbekannte Frage: Mit welcher Blende soll ich fotografieren? Mittlerweile sollten die meisten wissen: Je offener die Blende (kleiner Blendenwert), desto geringer ist die Schärfentiefe. Oft wird die Schärfentiefe (= Tiefenschärfe) dann im Volksmund auch als Tiefenunschärfe bezeichnet: Alles, was nicht fokussiert ist, erscheint unscharf. Falls du das noch nie gehört hast, hilft dir mein Fotografie Einstellungen Beitrag über Blende, Verschlusszeit und ISO.

Umgekehrt erhöht sich mit einer geschlossenen Blende (hoher Blendenwert) die komplette Schärfentiefe im Bild. Die Tiefenunschärfe wird geringer und selbst der Hintergrund wird wieder schärfer erkennbar.

Vorher: Offenblende F1.4 / Nachher: Abgeblendet F11

Aber Moment mal: Auch wenn du manchmal auf Blende F16 fotografierst ist der Hintergrund noch kaum erkennbar? Das hängt damit zusammen, dass es noch weitere Faktoren gibt, die man für eine höhere Tiefenschärfe abgesehen von der Blende beachten sollte.

Objektiv mit geschlossener Blende für Foto mit mehr Tiefenschärfe
Die Blende ist nur einer von vielen Wegen, um die Tiefenschärfe zu beeinflussen.

2.2 Achte auf die Fokusdistanz

Du kannst die Blende soweit schließen, wie du willst. Wenn du noch nah genug bei deinem fokussierten Objekt bzw. der Person stehst, wird der Hintergrund automatisch unscharf. Je kleiner deine Fokus-Distanz ist, desto geringer wird die Tiefenschärfe.

Wenn du mehr Tiefenunschärfe willst, nutze neben einer offenen Blende zusätzlich einen geringen Abstand zum Motiv.

Genauer gesagt liegt es an der Fokusdistanz von deinem Objektiv. Wenn sich diese der Naheinstellgrenze nähert, hast du das Maximum an Unschärfe in Bereichen fernab der Fokusebene. Wenn du dagegen auf Objekte weiter weg scharf stellst, schwindet die “Tiefenunschärfe” wieder und die Schärfentiefe erhöht sich.

Doch Achtung: Es heißt nicht, dass du bei einem Fokus auf den Horizont automatisch ein Bild erhältst, das von vorne bis hinten scharf ist. Das wirkt oft nur so – denn Objeke direkt im Vordergrund erscheinen dann auch schon wieder unscharf.

Wenn du wirklich ein Foto mit durchgehender Tiefenschärfe von vorne bis hinten aufnehmen möchtest, solltest du dich über die Hyperfokaldistanz informieren.

2.3 Wähle deine Brennweite

Neben der Blende und der Fokus-Distanz spielt auch die Brennweite eine Rolle. Dabei bin ich aktuell aber eigentlich soweit zu sagen, dass das Bokeh nicht stärker oder schwächer wird.

Das Bokeh wird einfach etwas anders. Es ändert seine Erscheinung. Das liegt daran, dass sich der Unschärferadius durch die steigende Brennweite ebenfalls erhöht. Die Bokeh-Lichtkugeln im Hintergrund erscheinen also größer, je mehr Brennweite zum Fotografieren genutzt wird. Dadurch wird das Bokeh von Teleobjektiven oft bevorzugt, weil die Unschärfe hier stärker verschmiert.

Wie sich das genau verhält, habe ich in diesem Video herausgestellt:

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Für mich ist es dadurch aber nicht besser oder schlechter, sondern einfach anders. Es kann bei einer tollen Location nämlich auch nachteilig sein, wenn man auf dem Foto dann sowieso nichts mehr vom Hintergrund erkennen kann.

Daher solltest du dir auch Weitwinkel-Brennweiten ansehen, wo sich eine leichte Unschärfe über den Hintergrund legt, sich die Umgebung aber trotzdem noch erkennen lässt. Bei längeren Brennweiten ist mir die Person oft schon etwas zu isoliert.

Bilder mit Tiefe durch ein Swirley Bokeh
Neben dem Unschärferadius gibt es auch viele weitere Indizien für die Bokeh-Qualität. Wie dieses Foto mit Swirley Bokeh vom Helios 58mm 44-2 F2.0

2.4 Die Kamerawahl: Der Unterschied zwischen Smartphone und Vollformat Kamera

Einen letzten Faktor gibt es noch. Diesen kannst du aber nicht spontan beim Shooting bestimmen (es sei denn, du hast mehrere Kameras dabei). Wir kommen zurück zum Anfang: Wieso müssen Smartphone Kameras oft eine fotografische Unschärfe simulieren?

Weil der Sensor zu klein ist. Auch kleinere Digicams haben einfach einen winzigen Sensor. Hier entsteht von Grund auf mehr Tiefenschärfe. Auf einem APSC Sensor hingegen (wie z.B. in kleinen Spiegelreflexkameras verbaut) kann durch die größere Fläche mehr Unschärfe entstehen. Noch extremer kann das ganze durch einen Vollformat- oder sogar Mittelformat Sensor werden.

Doch der Sensor sorgt eigentlich nur indirekt für diesen Zugewinn an Unschärfe außerhalb der Fokusebene. Wie es genau funktioniert, erklär ich in diesem Video. Hier siehst du, dass es eher mit dem Crop-Faktor und dadurch auch wieder mit der Fokus-Distanz zusammenhängt. Aber sieh selbst:

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3. Mehr als nur unscharfer Hintergrund: Wie du Unschärfe optimal auf deinem Foto einsetzt

Noch einmal zur Zusammenfassung: Du bannst als Fotograf eine 3D-Szene auf ein 2D-Foto. Die Tiefenschärfe zeichnet (wie der Name schon sagt) durch Unschärfe eine gewisse Räumlichkeit im Foto, die dritte Dimension der Tiefe wird dadurch wieder angedeutet. Es gibt dabei verschiedenste Wege, diese Unschärfe stärker oder schwächer ausfallen zu lassen.

Die alles entscheidende Frage ist jetzt aber:

Was machst du eigentlich mit der Unschärfe? Wo platzierst du sie? Welcher Effekt soll entstehen?

Klar, du willst Bilder mit mehr Tiefe. Soweit alles klar. Doch wie kann man diese Intention in der Bildgestaltung und Bildkomposition nun bewusst verstärken? Es gibt zwei Möglichkeiten, wie du effektvoll mit Unschärfe gestalten kannst.

Den Blick des Betrachters Lenken

Zum einen können bestimmte Bereiche des Fotos einfach ausgeblendet werden. In der Portraitfotografie kannst du die Aufmerksamkeit komplett auf das Model lenken. Die Person sollte hier immer zum Blickfang werden, der Rest wird unwichtig.

Es steckt einfach ein gewaltiges Potential in der Fähigkeit Dinge, die sich eigentlich auf dem selben Foto befinden, einfach ausblenden zu können.

Doch Achtung: Bei mehreren Personen musst du sogar oft aufpassen, dass nicht eine völlig unscharf wird. Wähle dafür einen höheren Blendenwert als F4.0. Bei einer einzelnen Person kannst du je nach Fokusdistanz auch auf Offenblende (z.B. F1.4) fotografieren.

Mit der Unschärfe hast du nun bei einer einzelnen Person viele Möglichkeiten. Du kannst z.B. den Fokus im richtigen Winkel z.B. so auf das Gesicht legen, dass alleine die Augen etwas aussagen. Der Körper ist hingegen schon wieder unscharf. So kann man den Fokus auf den Ausdruck des Models legen und nur dieser zählt dann am Ende. Das ist aber nur ein Beispiel. Die Möglichkeiten sind unbegrenzt.

Das Bild in Ebenen aufbauen

Viele Fotografen vergessen etwas sehr wichtiges auf ihren Fotos. Denn fot sehen sie auch mit Tiefenunschärfe einfach etwas flach aus. Das liegt daran, dass oft nur eine einzige Ebene abgebildet wird. Deshalb mag ich es auch lieber, draußen in der Natur zu fotografieren, weniger im Studio. Im Studio wird der oft strahlend weiße Hintergrund nämlich auch nicht direkt als Ebene wahrgenommen. Man sieht die Unschärfe nicht, weil er einfach weiß ist.

Bei der Outdoor Fotografie hingegen legst du den Fokus auf dein Model und erhältst fast schon automatisch einen spannenden Hintergrund. Dieser wird gleichzeitig unscharf und bildet somit eine weitere Ebene im Foto. Mit der Ebene des Models sind es dann zwei.

Die meisten Fotografen belassen es aber bei zwei Ebenen und ignorieren eine weitere Möglichkeit.

Die Rede ist von der dritten Ebene, die man noch einbauen kann: Den Vordergrund. Dieser ist auch außer Fokus und wird unscharf. Und er muss auch nicht einmal aufwändig sein. Es reicht eine leichte Unschärfe, z.B. von einem verschwommenen Blatt oder Grashalm, die sich über das Bild legt. Natürlich nur in einem vorher festgelegten und bestimmten Bereich. Das ganze habe ich auch ähnlich schon einmal in einem Beitrag beschrieben, wie man das Model in der Location positioniert.

Tiefenunschärfe im Vordergrund schafft Räumlichkeit
Unscharfe Pflanzen und Sträucher im Vordergrund eignen sich sehr gut, um Tiefe zu erzeugen.

Im Vordergrund befinden sich also beispielsweise Sträucher oder erste Pflanzen eines Feldes. Diese gehen dann mit dem Fokus und werden zum Model hin schärfer. Dahinter wieder unscharf.

Das verdeutlicht Tiefe sehr deutlich.

Wenn man kein Feld hat, kann man natürlich auch einen “Störer” (z.B. ein Blatt) direkt vor die Linse halten. Das sieht zwar für alle Beteiligten Leute am Set oft sehr belustigend aus, der Unterschied kann aber enorm sein. Oder man fotografiert ein Ganzkörper Porträt in Froschperspektive und hat dann im unteren Bereich den unscharfen Boden als Ebene.

Was auch immer man macht – es gibt einen Merksatz: Vordergrund macht Bild gesund.

Pflanzen außerhalb der Schärfentiefe vor der Linse
Wenn die Location / der Winkel zu wenig Vordergrund bietet, kann man auch Pflanzen direkt vor die Linse halten. Sie liegen außerhalb der Schärfentiefe und wirken wie ein farbiger Schleier.

4. Weitere Mittel für Bilder mit Tiefe

Die Schärfentiefe ist natürlich nicht die einzige Möglichkeit für mehr Tiefe. Aber dennoch eine der mächtigsten. Ein anderer Punkt ist die weitere Gestaltung des Fotos. Dazu zählt wie angesprochen der komplette Bildinhalte und Komposition.

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Achte darauf, welche Linien im Foto entstehen. Sind diese eher gerade und wirken konstruiert? Oder gibt es dynamische Linien? Einen Fluchtpunkt? Eine andere gute Möglichkeit ist es auch, sich einen Fluchtpunkt im Foto zu suchen. Einen Punkt, wo räumliche Linien zusammenlaufen und enden. Diesen baust du mit in dein Foto ein und kannst zusätzliche Dynamik erzeugen. All das findest du heraus, indem du mit Fotografie-Perspektiven experimentierst.

Positioniere dein Model nicht wie einen Stock (aber auch nicht übertrieben – hier gibt es weitere Posing Tipps für ungestellte Fotos), sondern lass es natürlich aussehen. Mit etwas Schwung. Dazu zählt auch das Outfit oder die Frisur.

Bring Formen, Linien und Farben ins Bild.

Durch einen spannenden Blickwinkel kann auch ohne Unschärfe mehr Dynamik erzeugt werden.

Fazit

Die richtige Tiefenunschärfe zu erzeugen ist nicht schwer. Viele vergessen aber, dass es nicht nur an der Blende liegt. Es gibt noch andere Möglichkeiten, um die Tiefenschärfe zu kontrollieren. Dazu zählen neben der mittlerweile weitbekannten Blende auch noch die Fokusdistanz, die Brennweite und die Sensorgröße.

Wenn man die so entstehende Unschärfe dann auch noch harmonisch mit der Umgebung einsetzt und noch andere Elemente einbaut, können lebendige Bilder entstehen. Dazu blendest du bewusst einzelne Elemente im Foto aus, oder verstärkst ihre Wichtigkeit durch den Fokus. Bei Porträts macht es meistens Sinn, die gesamte Kulisse in Ebenen aufzubauen. Achte nicht nur auf den Hintergrund, sondern auch den unscharfen Vordergrund. Weitere Tricks für bessere Fotos findest du im großen Portrait Ratgeber.

Am Ende kannst du diesen Effekt auch noch mit der richtigen Komposition, z.B. mit Fluchtlinien, verstärken und zusätzlich mehr Tiefe generieren.

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Markus Thoma

Ich bin Markus und schreibe aus meiner Erfahrung als Berufsfotograf über die kreative Art der Fotografie. Am liebsten fotografiere ich draußen Porträts - bei natürlichem Licht. Denn weniger ist meistens mehr. Hin und wieder bin ich auch gerne mal auf Reisen. Wenn ich gerade nicht fotografiere, findet ihr mich auf Metalcore Konzerten, in der Natur oder am Buffet. Schau doch auch mal auf meinen Social Media Kanälen vorbei:

4 Gedanken zu „Wie du Tiefenschärfe auch ohne Blende kontrollierst und lebendig einsetzt“

  1. Wow dein Blog ist wirklich toll! Alle Infos die man braucht, anschaulich erklärt so, dass man sehr viel aus jedem einzelnen Beitrag mitnehmen kann. DANKE, dass du das mit uns teilst!! :)
    Alles Liebe
    Sonja

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  2. Ein sehr informativer Artikel über eine anspruchsvolle Thematik in der Fotografie. Nach Lesen des Artikels sollte es aber jedem klar werden, wie man die Tiefenunschärfe kontrollieren kann.

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